Folge Nr. 10: "META-Folge"

'Das Wesen der Begegnung' 

mit Jan Christoph Heiser


FOLGE ANHÖREN đŸŽ§

Die Theorie hinter dem Podcast:

Eine Sache der Perspektive!

Unsere Welt zeichnet sich aus durch ihre reiche Vielfalt an lebensweltlichen RealitĂ€ten und Konzepten! Als Mensch definiert man sich durch Zugehörigkeit und Abgrenzung zu diversen Gruppen, Ideologien, Philosophien und entwickelt sich im VerhĂ€ltnis zu seiner Umwelt. Die persönliche Geschichte und IdentitĂ€t bleibt fĂŒr andere zu oft hinter einer Fassade verborgen, welche wiederum als ProjektionsflĂ€che fĂŒr Vorurteile und Verallgemeinerungen herhalten muss.

Um einen Blick auf das tatsĂ€chlich existente zu werfen, braucht es Neugierde, Offenheit und die Bereitschaft zum Dialog. Dabei erst erwĂ€chst die Möglichkeit, das eigentlich Fremde zumindest in seinen AnsĂ€tzen zu erfassen, sich neuen Erkenntnissen gegenĂŒber zu öffnen, seine Perspektive zu weiten und das als normal hingenommene zu hinterfragen. Auch wenn sich der Mensch dessen bis zu einem gewissen Grad bewusst ist, so ist die vorhandene Vielfalt in ihrem Ausmaß nicht fassbar und zu oft allerhöchstens an Äußerlichkeiten wie Kleidung, Hautfarbe, Verhalten erkennbar.

Der Mensch beurteilt die Welt durch sich selbst!

Jeder Blick auf das was uns umgibt ist durch den Filter von Erfahrungen, gefestigter eigener oder fremder Meinungen gefĂ€rbt. Um die Welt zu verstehen, kategorisiert und vereinfacht man als Mensch sein Bild von der Welt. FĂŒr den Menschen ist es natĂŒrlich in unbewusst konstruiert Kategorien zu denken. Die FĂ€higkeit alles in Relation zu sehen ist dabei eine nachrangige, primĂ€r beurteilt das Individuum die Welt durch sich selbst, durch Erfahrungen, Emotionen, geformte und gefestigte Meinungen und Glaubensmuster. Es ist ihm dabei nie möglich, eine gĂ€nzlich objektive Sicht auf die eine unglaublich komplexe Welt zu erhalten. Dabei umgibt es sich vorzugsweise mit Menschen, die die eigene Weltansicht teilen, was wiederum dazu fĂŒhrt, dass sich diese bestĂ€tigt und festigt. Soziale Gruppen sind eine wesentliche Kraft fĂŒr die Bildung und Verfestigung eigener Vorstellungen und diese haben einen maßgebenden Einfluss bei der Entwicklung unserer IdentitĂ€t.

Alles was existiert ist den verschiedensten EinflĂŒssen ausgesetzt und steht in Beziehung zueinander. Gesellschaftliche Normen und Werte sind konstruiert, so wie die Alltagswelt in der wir leben. Doch neigt der Mensch dazu, viele diese konstruierten Ansichten als naturgemĂ€ĂŸ anzuerkennen, diese als anderen Möglichkeiten ĂŒberlegen zu sehen und nicht in Zweifel zu ziehen. Bewertungen wie besser und schlechter am Ende nur mangelhafter Ausschnitt des Ganzen. Wir bewegen uns in einer Vielzahl an Möglichkeiten und es ist gesellschaftlichen und individuellen Entscheidungen geschuldet, dass die Welt ist wie sie ist.

Meinungen sind sehr verkĂŒrzte Ausschnitte der Wirklichkeit!

Ein ganz banales Beispiel fĂŒr eine gesellschaftliche Konstruktion ist der Rechtsverkehr in den meisten LĂ€ndern dieser Welt und der Linksverkehr in wenigen anderen. Das man ein Buch von links nach rechts liest oder umgekehrt entspricht ebenso wenig keinem Naturgesetzt, genauso wenig wie die Art der BegrĂŒĂŸung und Verabschiedung, die sich von Kultur zu Kultur sehr unterscheiden können. Wirft man einen Blick auf die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen so zeigt sich, dass nur eine interdisziplinĂ€re Auseinandersetzung die Möglichkeit fĂŒr eine ganzheitliche Betrachtungsweise bietet. 

Der Mensch ist ein entdeckungsfreudiges Wesen und als solches fĂ€hig, die durch polares, vereinfachtes Denken geschaffenen Fronten zu durchbrechen. Ein SchlĂŒssel fĂŒr die eine differenzierte Wahrnehmung mit den persönlichen Vorstellungen von RealitĂ€t ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Anderen und Fremden welches uns in vielfacher AusprĂ€gung umgibt. Diese erst ermöglicht es dem Menschen, sich selbst und seine Umwelt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei lĂ€sst sich erkennen, dass der Eigene Standpunkt, das eigene Leben und die Sicht auf die Welt nur eine von vielen ist. Und das macht Begegnung zu etwas essentiellem und spannendem. Schlussendlich birgt es die Möglichkeit, sich von den eigenen oberflĂ€chlichen Vorstellungen zu distanzieren, den Menschen vor sich und somit Leben etwas besser kennenzulernen und erkennen, dass man eben nur einen Blickwinkel auf etwas hat, das ist! Es gibt nicht nur die eine RealitĂ€t, sondern ganz unterschiedliche Blickwinkel und Wahrnehmungen davon, die alle gut neben einander sein könnten. 

"Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten"


Blicken verschiedene Menschen auf ein und dieselbe Sache, ergeben sich unterschiedliche Wahrnehmungen und Perspektiven. Das illustriert auch das altes aus dem asiatischen Kulturkreis stammendes Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Dieses zeichnet ein Bild unterschiedlichster Perspektiven und deren Gleichwertigkeit im Hinblick auf eine relative und absolute Wahrheit. Eine kurze Zusammenfassung der Geschichte ist die Folgende:

Mehrere blinde Menschen werden darum gebeten, einen Elefanten, etwas ihnen vollkommen unbekanntes durch betasten zu beschreiben und somit eine Aussage darĂŒber zu treffen, was das dargebotene denn sei. Dazu wird jeder einzelne so platziert, dass ein Körperteil ganz genau untersucht werden kann. Sie erhalten den Auftrag, ihrer Neugierde zu folgen und sich fĂŒr eine mögliche neue Erfahrung zu öffnen. Alle beginnen damit, die sich vor Ihnen befindlichen Teile zu ertasten und zu untersuchen und nach kurzer Zeit kommt jeder Einzelne zu seiner Schlussfolgerung.

Jener Blinde, der das Bein erfĂŒhlt erklĂ€rt, dass es sich bei einem Elefanten um eine SĂ€ule handle. Der, der die Schwanzspitze in HĂ€nden hĂ€lt, meint darin eine BĂŒrste zu erkennen und derjenige der den Schwanz abtastet, ein Seil. Der der das Ohr befĂŒhlt, meint darin eine raue Decke zu erkennen, jener der den RĂŒssel inspiziert meint, dass ein Elefant einer Schlange Ă€hnlich sei. Jener Blinde der den Stoßzahn berĂŒhrt meint, es sei ein Speer und der verbleibende, der dem RĂŒcken des Elefanten zugewandt ist meint eine Mauer vor sich zu haben.

Die Blinden geraten in Streit und UnverstĂ€ndnis ĂŒber die jeweils unterschiedlichen Ansichten. Schlussendlich wird die Sache aufgeklĂ€rt und alle beteiligten erfahren, dass es sich beim ertasteten fĂŒr alle um ein und dasselbe handle. Es sei der eingeschrĂ€nkte Perspektive gewesen, die jeden einzelnen zu seiner Annahme gefĂŒhrt habe.

Der Elefant steht hier Sinnbildlich fĂŒr eine objektive RealitĂ€t, die Blindheit der MĂ€nner fĂŒr die beschrĂ€nkte FĂ€higkeit des Menschen, eine allumfassende, allgemeingĂŒltige RealitĂ€t zu erkennen.

Jeder Leser ist sich im klaren, was ein Elefant ist und man mag sich denken: wenn nur der eine oder andere Blinde ĂŒber sein Körperteil hinausgehen wĂŒrde, könnte er erkennen, dass es sich um etwas anderes handle als um das vermutete. Zumal man nicht auf die Idee kommen wĂŒrde, der Elefant sei eine SĂ€ule, sollte er sich bewegen und Laute von sich geben (so er lebendig ist). Da schon könnte sich zeigen, dass es sich um ein etwas Lebendiges handle. Was der Wahrheit schon ein großes StĂŒck nĂ€herkommen wĂŒrde. Man könnte ja auch davon ausgehen, dass ein Blinder alleine mehrere Erkenntnisse und schlussendlich fĂŒr sich auf die richtige Lösung kommen könnte, zumal er mit genug Zeit den Elefanten umrunden und auch seiner ĂŒbrigen Sinne bedienen könnte.

Aber darum geht es in diesem Gleichnis nicht. Worauf es anspielst, sind die unterschiedlichen Weltbilder und ErklĂ€rungsmodelle, derer sich Menschen bedienen. Es illustriert, dass der Glaube des Einzelnen, dass seine Sichtweise die einzig richtige sei dazu fĂŒhrt, dass man fĂŒr ein grĂ¶ĂŸeres Ganzes blind bleibt. Erst wenn man Menschen mit anderen Wahrnehmungsperspektiven ernst nimmt, kann man der Wahrheit einen Schritt weit nĂ€her kommen.

Ethisch betrachtet wĂŒrde sich der Streit unter den Blinden vermeiden lassen, wenn sich keiner von Ihnen anmaßen wĂŒrde, das VerstĂ€ndnis von Wahrheit und RealitĂ€t der anderen gering zu schĂ€tzen. Auch wenn man den Standpunkt eines anderen nicht nachvollziehen kann bedeutet das noch lange nicht, dass man ihm respektlos oder gar feindselig gegenĂŒbertritt. (
) Menschen sind in der Lage, andere Ansichten, Meinungen und Perspektiven stehen zu lassen ohne sich dadurch angegriffen oder bedroht zu fĂŒhlen. Braucht nicht jener, der in seinen Überzeugungen gefestigt ist, die Überzeugungen anderer nicht geringzuschĂ€tzen noch zu fĂŒrchten?